Kontext
Mutterschaft,
Kunst und Zeit
Drei Künstlerinnen, drei Perspektiven, eine gemeinsame Erfahrung: Mona Broschár, Laura Brichta und Felicitas von Lutzau sind Mütter – und sie schaffen Kunst.
Was selbstverständlich klingen sollte, ist es nicht: Während männlichen Künstlern mit Kindern nie die Fähigkeit zum künstlerischen Schaffen abgesprochen wird, begegnen Künstlerinnen in eben jener Position bis heute Zweifel, Degradierung und dem stillen Vorurteil, Mutterschaft und Kunst seien unvereinbar. Die Ausstellung s t r e t c h möchte den Diskurs über diese strukturelle Benachteiligung öffnen und fragt zugleich nach dem, was aus ihr entsteht.
Das Muttersein selbst steht nicht im Zentrum der gezeigten Werke. Vielmehr öffnet die Ausstellung einen Raum für das, was Mutterschaft mit Zeit macht.
Was geschieht mit künstlerischer Arbeit, wenn Zeit nicht mehr linear zur Verfügung steht?
Mutterschaft dehnt die Zeit, biegt sie, zerreißt und verdichtet sie. Zwischen den entstehenden Lücken formt sich eine neue Realität – ein anderes Verhältnis zu Konzentration, Unterbrechung und Anfang.
Die Ausstellung begreift diese Dehnung als Wandel. Sie fragt danach, welche neuen Perspektiven, Formen und Wahrnehmungen aus ihr hervorgehen, welche Kraft in der Verschiebung selbst liegt. Zeit, die früher wie selbstverständlich für die Kunst zur Verfügung stand, muss nun neu geschaffen werden.
Die gezeigten Arbeiten entstehen nicht trotz, sondern innerhalb dieser Verformung: in den Rissen, die sich auftun, wenn ein Bedürfnis mehr Raum verlangt als vorgesehen, und in den Nähten, die sich über ihnen wieder schließen. Was zurückbleibt, ist keine Wiederherstellung des Alten, sondern ein neues Gewebe – eine andere Dichte der Aufmerksamkeit, ein verändertes Verhältnis zum Anfangen, Unterbrechen und Weitermachen. Aus der Berührung beider Realitäten entsteht etwas Drittes, das vorher nicht denkbar war.
s t r e t c h ist damit nicht nur eine Ausstellung, sondern auch ein Raum für Austausch und Vernetzung. Dabei wurde bewusst darauf geachtet, dass alle Akteurinnen – auch jene, die im Hintergrund wirken – selbst Mütter oder werdende Mütter sind. Das ist kein Nebenaspekt, sondern Teil des Konzepts selbst: Die Ausstellung entsteht aus derselben gelebten Realität, die sie verhandelt.
Ein moderiertes Gespräch mit der Künstlerin Anna Nero sowie eine persönliche Künstlerinnenführung mit anschließendem Austausch laden dazu ein, Erfahrungen zu teilen, bestehende Strukturen im Kunstbetrieb zu hinterfragen und gemeinsam über notwendige Veränderungen nachzudenken. s t r e t c h öffnet damit einen Ort, an dem sich das Persönliche zu einem kollektiven Wissen verdichten kann – einen Raum, der ebenso zum Zuhören wie zum Weiterdenken einlädt.